Die 5 Sicherheitsregeln der Elektrotechnik
Warum ist Strom überhaupt so gefährlich?
Unser Körper ist leider ein ziemlich guter Leiter. Er besteht zum größten Teil aus Wasser mit gelösten Salzen, und genau das leitet Strom. Der Widerstand des menschlichen Körpers liegt von Hand zu Hand grob bei 1.000 bis 2.000 Ohm, bei feuchter Haut oder großer Kontaktfläche auch deutlich darunter.
Fasst man einen spannungsführenden Leiter an und steht dabei auf leitendem Boden, schließt man den Stromkreis mit dem eigenen Körper: Der Strom fließt vom Netz durch die Hand, quer durch den Oberkörper – vorbei am Herzen – über die Füße in den Boden und von dort über die Erde zurück zum Trafo.
Rechnen wir das mal mit dem Ohmschen Gesetz durch: 230 Volt geteilt durch 1.000 Ohm ergibt rund 230 Milliampere. Das klingt nach wenig, ist aber ein Vielfaches von dem, was der Körper verträgt:
- ab ca. 10 mA verkrampfen die Muskeln – man kann nicht mehr loslassen.
- ab ca. 30 mA wird es lebensgefährlich, deshalb lösen FI-Schutzschalter (RCD) genau bei diesem Wert aus.
- ab ca. 50 mA droht Herzkammerflimmern – und das endet ohne schnelle Hilfe tödlich.
Dazu kommen Verbrennungen, ein Lichtbogen bei Kurzschluss und der Sturz von der Leiter durch den Schreck. Weil all das so schnell passiert, arbeitet man in der Elektrotechnik grundsätzlich nur an Anlagen, die sicher spannungsfrei sind. Und damit das jedes Mal gleich zuverlässig klappt, gibt es die 5 Sicherheitsregeln (DIN VDE 0105-100). Sie werden immer in genau dieser Reihenfolge angewendet.
Die 5 Sicherheitsregeln
1. Freischalten
Die Anlage vollständig vom Stromnetz trennen – also Sicherung raus, Leitungsschutzschalter aus oder Hauptschalter auf 0. Und zwar allpolig: Alle Außenleiter müssen getrennt sein. Erst wenn kein Strom mehr fließen kann, ist sicheres Arbeiten möglich.
2. Gegen Wiedereinschalten sichern
Mit Schlössern, Sperrelementen oder Schildern verhindern, dass jemand den Strom versehentlich wieder einschaltet. Der Klassiker: Ein Kollege sieht den ausgeschalteten Automaten, denkt „Ach, der ist rausgeflogen“ und schaltet ihn wieder ein. Ein Vorhängeschloss am Hauptschalter und ein Schild „Nicht schalten – es wird gearbeitet“ verhindern genau das.
3. Spannungsfreiheit feststellen
Mit einem zweipoligen Spannungsprüfer kontrollieren, ob wirklich keine Spannung mehr anliegt – und zwar allpolig: jede Phase gegen N, gegen PE und die Phasen untereinander. Nur so ist man 100 % sicher. Ein einpoliger Phasenprüfer („Lügenstift“) reicht dafür ausdrücklich nicht.
Profi-Tipp: Den Prüfer direkt vorher und nachher an einer bekannten Spannungsquelle testen. Ein kaputter Prüfer zeigt sonst auch an einer Leitung mit 230 V fröhlich „nichts“ an.
4. Erden und kurzschließen
Die Leiter erst mit Erde verbinden und dann untereinander kurzschließen. Wird die Anlage doch versehentlich eingeschaltet oder kommt Spannung von woanders zurück (z. B. von einer PV-Anlage oder einem Notstromaggregat), fließt der Strom über die Kurzschlussverbindung ab und die Sicherung löst sofort aus – statt durch dich hindurch.
In der Hausinstallation und an den meisten Niederspannungsanlagen bis 1.000 V darf man darauf verzichten, wenn sicher keine Gefahr der Rückspeisung besteht. In der Mittel- und Hochspannung ist dieser Schritt dagegen Pflicht.
5. Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken
Oft lässt sich nicht der ganze Schaltschrank freischalten. Teile, die in der Nähe noch Spannung führen, werden deshalb mit isolierenden Tüchern, Matten oder Abdeckungen geschützt oder abgesperrt, damit niemand sie aus Versehen mit der Hand oder dem Werkzeug berührt.
Nach getaner Arbeit geht es übrigens genau andersherum: Abdeckungen entfernen, Erdung und Kurzschluss aufheben, Sperren lösen – und erst dann wieder einschalten. Vorher sicherstellen, dass niemand mehr an der Anlage arbeitet.
Ganz kurz zusammengefasst
- ⚡ Freischalten → Strom wegmachen, alles frei!
- 🔒 Sichern → Niemand darf wieder einschalten.
- 🔍 Prüfen → Kontrolle mit dem Spannungsprüfer.
- 🌍 Erden → Alles mit Erde verbinden, sicher machen.
- 🚧 Abdecken → Gefährliche Teile absperren.
Die Ausnahme: Messen unter Spannung bei der Fehlersuche
Wer den Beitrag zur Fehlersuche im Schaltschrank gelesen hat, wird jetzt stutzen: Da messen wir doch munter 400 V am Motorschutzschalter? Richtig – bei der Fehlersuche geht es oft nicht anders. Ob Spannung „rein“ und „raus“ geht, sieht man nun mal nur, wenn die Anlage läuft.
Das Messen mit geeigneten Messgeräten ist aber etwas anderes als Arbeiten unter Spannung. Es ist eine eng begrenzte Tätigkeit, bei der man nichts an der Anlage verändert: Messspitzen ran, Wert ablesen, Messspitzen weg. Das darf eine Elektrofachkraft, wenn die Rahmenbedingungen stimmen:
- ein geeignetes Messgerät mit passender Messkategorie (mindestens CAT III, an der Einspeisung CAT IV) und intakten Messleitungen mit Fingerschutz,
- persönliche Schutzausrüstung, z. B. Gesichtsschutz gegen Lichtbögen und isolierende Handschuhe,
- ein sicherer Standplatz und genug Licht und Platz, damit man nicht abrutscht,
- volle Konzentration – keine Messung „mal eben nebenbei“.
Sobald der Fehler gefunden ist und es ans Reparieren geht – Klemme nachziehen, Schütz tauschen, Leitung abklemmen –, gelten wieder ohne Ausnahme die 5 Sicherheitsregeln. Gemessen wird unter Spannung, geschraubt wird spannungsfrei.
Wichtig für alle ohne elektrotechnische Ausbildung: Wer keine Ausbildung als Elektrofachkraft hat (Geselle, Meister, Techniker oder Ingenieur der Elektrotechnik), darf im Grunde nur zwei Dinge:
- mit Kleinspannung arbeiten, also z. B. 5 V, 12 V oder 24 V – etwa am Arduino, ESP32 oder an der LED-Leiste hinter dem Netzteil,
- Geräte, die einen Stecker haben, in die Steckdose stecken.
Alles, was an das 230-V- oder 400-V-Netz fest angeschlossen wird, gehört in die Hände einer Elektrofachkraft. Selbst das Anschließen einer Deckenlampe oder der Tausch einer Steckdose ist streng genommen schon nicht erlaubt. Das ist keine Schikane: Ein vertauschter Schutzleiter fällt oft erst auf, wenn jemand das Gehäuse anfasst – und im Schadensfall kann auch die Versicherung die Zahlung verweigern. Mehr dazu unter Hinweise & Haftung.
Weiterlesen: Wie man mit Plan und Messgerät einen Fehler eingrenzt, steht im Beitrag Fehlersuche im Schaltschrank. Und wie du einen Plan überhaupt liest, erfährst du unter Schaltplan lesen.